TD-"Überimpfung"???

Interessante Fälle aus der täglichen Praxis, Verbesserungsvorschläge und Tipps zum Praxismanagement

TD-"Überimpfung"???

Beitragvon schroers » 30 Mai 2011, 09:26

Eine Patientin fragt:
in der Vorbereitung auf eine mögliche Schwangerschaft habe ich meinen Impfstatus kontrollieren lassen.
Soweit ist alles in Ordnung, nur mein Pertussis-Titer ist ungenügend. Laut meinem Impfpass liegt meine letzte Pertussis-Impfung in der Kindheit (heute bin ich 36 J.). Vor drei Jahren (April 2008) wurde ich jedoch mich Revaxis geimpft.
Meine Frauenärztin sagte, sie würde nun keine Dreifachimpfung vornehmen wollen (mit Diphterie-Pertussis-Tetanus), weil sonst die Gefahr einer "Überimpfung" (für Tetanus und Diphterie) besteht.
Jetzt habe ich das Gefühl, es geht jetzt darum abzuschätzen ob „überimpfen“ weniger gefährlich ist (sowohl für ein zukünftiges Kind als auch mich) als mit ungenügendem Titer in eine Schwangerschaft zu gehen. Was würden Sie mir raten? Ich habe Impfungen bisher immer prima vertragen. Ich möchte auf keinen Fall riskieren, mein ungeborenes oder frisch-geborenes Baby zu gefährden.

Antwort:

Die STIKO-Empfehlung ist eindeutig: Bei einer Pertussisindikation (und das ist der konkrete Kinderwunsch) wird mit einem dreifach-Impfstoff (TdaP - Boostrix oder Covaxis) geimpft, bei Polioindikation auch mit einem vierfach-Impfstoff (TdaP-IPV = Boostrix-Polio oder Repevax). Wenn es bei einer lege artis durchgeführten Impftechnik überhaupt Impfreaktionen gibt, dann ist bei der Risikoabwägung auf jeden Fall das Infektionsrisiko eines Neugeborenen höher zu bewerten und die Frau gegen Pertussis zu impfen. Bei fortbestehender Pertussisindikation (z.B. Personen, die mit Säuglingen in Kontakt kommen) ist sogar eine regelmäßige Auffrischung ca. alle 10 Jahre notwendig, da weder die Impfung noch die Erkrankung zu einem lebenslangen Schutz führt.

Zusammfassung der Pertussisempfehlungen:

Es werde alle Erwachsenen bei der nächsten fälligen Td-Impfung auch einmalig gegen Pertussis geimpft.
Bei einer Pertussisindikation wartet man aber nicht die Notwendigkeit einer Td-Indikation ab, sondern impft sofort, auch wenn die letzte Td-Impfung weniger als 5 Jahre zurückliegt!
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Chirurgische Kliniken konterkarieren STIKO-Empfehlungen

Beitragvon schroers » 03 Feb 2012, 18:39

Chirurgische Kliniken konterkarieren STIKO-Empfehlungen aus budgetären Gründen

Wie der [urlhttp://www.impfbrief.de]Impfbrief-online[/url] in seiner Ausgabe Nr. 57 berichtet, führen die STIKO-Empfehlungen, insbesondere die im Epi Bull 33/2009 erläuterte Begründung für die T/d-Impfung auch in Abständen unter 5 Jahren, dazu, dass einige chirurgische Kliniken unter Hinweis auf die Kosten und die Unbedenklichkeit weiterhin 'nur' eine Tetanusmonoimpfung vornehmen.

Als Begründung geben sie an, dass der Patient mit einer Indikation ja die Option habe, anschließend seinen Hausarzt für eine evtl. notwendige Kombiimpfung (z.B. als Tdap) aufzusuchen, denn die STIKO erkläre ja offiziell, dass verkürzte Abstände nicht signifikant zu Nebenwirkungen führten. Diese Meinung sei auch juristisch nicht anzuzweifeln, so die Rechtsabteilung der zuständigen Landesärztekammer.

Es ist zu bedauern, wenn aus rein pekuniären Gründen nachweislich bessere Präventionskonzepte nicht durchgeführt werden. Bedenklich ist, wenn öffentliche Empfehlungen fehlinterpretiert und dabei Behandlungsrisiken billigend in Kauf genommen werden. Auch aus Compliancegründen sollten Impflücken bei jeder Gelegenheit geschlossen werden, denn ob alle Patienten aus eigenen Stücken einen weiteren Arztbesuch erwägen, sei dahingestellt. Wie will man einen Nationalen Impfplan umsetzen, wenn nicht alle Beteiligten das gleiche Ziel verfolgen? Zu hoffen bleibt nur, dass sich aufgeklärte Patienten wehren, denn aufgeklärt werden müssen sie ja, auch über eventuelle Nebenwirkungen bei einem solchen Vorgehen!

An dieser Stelle die Originaltextpassage aus Epi Bull 33/2009:

[…Daher wird das Risiko von schwerwiegenden Nebenwirkungen bei Anwendung eines Tdap-Impfstoffes weniger als 5 Jahre nach vorangegangener Td-haltiger Impfung als gering und der Nutzen der Impfung für die Personen mit den aufgeführten Indikationsstellungen als deutlich überwiegend angesehen. Bei der Bewertung der vorliegenden Studien sollte beachtet werden, dass vorwiegend jüngere Personen eingeschlossen wurden und die Anzahl der Studienteilnehmer relativ klein war. Demnach sollte der impfende Arzt über das mögliche Auftreten von verstärkten – vor allem lokalen – Nebenwirkungen bei kürzeren Impfintervallen zwischen Td-haltigen Impfstoffen weiterhin aufklären. Es besteht in der Fachliteratur dahingehend Konsens, dass das Nebenwirkungsrisiko vor allem von der Höhe der Antikörperkonzentration sowie von der Gesamtzahl der vorherigen Td-Dosen abhängt…]

Quelle: Impfbrief Nr. 57 - www.impfbrief.de

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